„Zahlen mag ich nicht!“

Wie Giulia sich mit den Zahlen anfreunden konnte    

Giulia, eine lebhafte Zweitklässlerin, kam ins LernCoaching, weil die Lehrperson und ihre Mutter einen Weg suchten, Giulia das Rechnen irgendwie nahe zu bringen. Giulia war offen und fröhlich bei unserer ersten Begegnung. Sie erzählte, dass sie gerne zur Schule geht und dass Zeichnen, Basteln und Musik ihre Lieblingsfächer sind. Sie fügte hinzu: „Schreiben geht auch noch, aber rechnen, das mag ich nicht.“  „Das ist ja interessant, schreiben geht, aber rechnen geht nicht?“ Sie nickt bejahend. „ Hast du eine Ahnung, warum rechnen nicht geht?“ „Rechnen ist doof! Ich mag Zahlen nicht!“ ruft sie aus, „die haben nichts mit mir zu tun!“ War ihre klare Antwort. „Ah, die haben nichts mit dir zu tun.“ „ Nein, nichts.“ Giulia wendete sich ab von mir. „Alle Zahlen, oder gibt es vielleicht eine Ausnahme?“ fragte ich. Giulia richtete ihren Blick nach oben links, den rechten Zeigefinger am Mund und überlegte eine kurze Weile.  „Ja, da gibt es eine Zahl, die mag ich“, sagte sie strahlend. „Willst du mir diese Zahl verraten oder ist das ein Geheimnis?“

„Das ist die 8“, flüsterte sie und schaute mir tief in die Augen. „Die 8? Lass mich raten: Weil sie so rundlich ist?“ Ich zeichnete mit meiner Hand eine liegende 8 in die Luft. „Nein nicht deswegen.“ Giulia machte die Situation gerne spannend. „Oh, was hat den die 8 sonst noch besonderes an sich? Da komme ich jetzt nicht drauf“, fragte ich neugierig. Giulia fixierte mich mit ihren dunklen Augen und erwiderte lachend: „Weil ich bald 8 Jahre alt bin!“ Sie lachte herzlich, ihre Vorfreude war gross. So unterhielten wir uns über ihren kommenden Geburtstag und darüber, wie sie den feiern wird und was für Geschenke sie sich wünscht. Mit viel Spass und Kreativität zeichnete sie eine 8 auf eine Karte, die sie auf eine farbige Schnur legte, sich darauf stellte und sich auf ihr zukünftiges Geburtstagsfest freute. Ihren fröhlichen Zustand verankerten wir mit ihrer eigenen ‚Jubel- Geste‘.

„Erinnerst du dich an deinen letzten Geburtstag?“ fragte ich. „Du meinst, als ich sieben wurde?“ sie schaut mich an und fügt dazu: „Ja, da habe ich ein Fahrrad bekommen! Die Sieben mag ich auch!“ Sie nahm eine Karte und zeichnete. Auch diese Karten legte mit einem Abstand von einem Schritt zur 8  auf die farbige Schnur .

 

Meinen Vorschlag, ob sie denn auch mal schauen möchte, mit der Hilfe ihrer Mutter, wie das am den früheren Geburtstagen war, bejahte sie gerne. Wir holten gemeinsam ihre Erfahrungen und Beobachtungen mit jüngeren Kindern zu Hilfe. Bald hatten wir die ganze „Timeline“ von 8 bis 1 ausgelegt. Jeden Geburtstag schlossen wir ab mit einem gestapelten Ressource-Anker und einer bunten Zahlenkarte. Die Zahl gestaltete sie jeweils sehr kreativ. Wir sassen am Boden und freuten uns gemeinsam über diese Zahlenschlange, wie sie das nannte.

Giulia war sichtlich etwas ermüdet. Diese Arbeit hat sie sehr konzentriert, mit viel Spass und Kreativität gemacht. Wir setzten uns an den Tisch und tranken Tee. „Wie geht es dir jetzt, wenn du an diese Zahlen denkst?“ fragte ich sie und zeigte auf die Reihe. „Gut, jetzt haben alle Zahlen etwas mit mir zu tun!“ sie strahlte. „Magst du noch deinen Geburtstag im nächsten Jahr anschauen?“ Auf ihre bejahende Antwort folgte wieder die Karte 9, sie stellte sich darauf und begann zu überlegen, was sie als Neunjährige zum Geburtstag wünschen könnte und wer bei diesem Fest dabei sein wird. „Den 10. Geburtstag mach ich noch aber nachher ist genug!“ war ihr Kommentar zu meinem nächsten Vorschlag. Ihre Mutter wie auch ich waren gleicher Meinung. Zum Abschluss stellte ich ihr die Frage: „Was meinst du, wie geht es dir morgen in der Schule wenn ihr Mathe habt?“ Schnell, wie das so junge Kinder noch sehr gut können, versetzte sich Giulia in die nächste Mathe-Stunde mit einem defokussierten Blick. Nach einer Weile schaute sie mich an und strahlte: „Mir geht’s gut, ich weiss jetzt was die Zahlen bedeuten. Das macht Spass.“ Das schlossen wir mit dem Freude-Anker ab und Handklatsch ab.

Giulia durfte jetzt Pause machen. Sie beschäftigte sich summend mit den Spielsachen. Ich  gab der Mutter noch einige Tipps, wie sie Giulia zeigen kann, dass die Zahlen im Alltag nützlich sind und wie sie mit dem Freude-Anker Giulia unterstützen und stärken kann. Ich riet ihr, dass Giulia ihre Rechnungs-Aufgaben stehend an einer Wand oder auf dem Bauch liegend auf dem Boden machen soll. Bei diesen Haltungen bleiben die Augen im visuellen Bereich, der Augen-Zugang zum kinästhetischen Lernkanal, zu den blockierenden Erinnerungen ist erschwert. Mein Ziel war, dass die Eltern das Coaching spielerisch zu Hause fortsetzen können. Eltern sind oft besten Co-Coaches ihrer noch jungen Kinder (Das ändert sich sehr oft in wenigen Jahren).

Giulia verliess mich mit ihrer Mutter, strahlend und müde. Zwei Wochen später zeigte sie mir voll Stolz ihr Rechnungsheft. Sie war auf dem Weg, mit Zahlen arbeiten zu können, das stärkte ihr Selbstvertrauen. Das Wort Dyskalkulie verschwand aus ihrem Leben.

Bei meiner Nachbearbeitung  war ich erstaunt über die Formulierung einer 8-Jährigen: „Die haben nichts mit mir zu tun!“ Ich war selber überrascht, dass ich Ansätze aus der Timeline so leicht nutzen konnte für ein Problem wie dieses, doch Giulia hat mich buchstäblich dahin geführt.

Die Ursachen von Rechenschwächen sind sehr unterschiedlich und so unterschiedlich sind die passenden Interventionen aus der Schatztruhe des NLP.

Als LernCoach (nlpaed) kann ich fachliche Kompetenz mit Kreativität und Spass kombinieren und den Lernenden den Zugang zu ihren eigenen Ressourcen zeigen und stärken. Ein Traum-Job

Regula Röthlisberger

info@lerncoach-nlp.ch

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Regula,
    Danke für den Einblick in deine Praxis. Was für ein wunderbares Beispiel für die Leichtigkeit unserer Arbeit. Kinder wissen sehr genau, warum sie etwas nicht mögen und wenn wir Ihnen zuhören und sie ernst nehmen, dann können wir sie in ihren Lösungen unterstützen. 😍

    Liebe Grüße aus München,
    Alexandra

  2. So einfach kann es sein – erkennen lassen, wie etwas zusammenwirkt. Begreifbar, erfahrbar machen; spüren lassen, den Zahlen Leben geben;
    Wunderschön – so direkte Auswirkungen einer Intervention zu erleben. Danke fürs Teilen

    Liebe Grüße
    Charlotte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.