Aus der Praxis: Tina, Ricco und Mathe

   

Tina sitzt mit Ricco am Tisch. Sie üben, Mathe ist angesagt. Tina nimmt wahr, dass Ricco ohne Begeisterung dafür voll Mutlosigkeit den Aufgaben gegenüber steht. Zum x-ten Mal erklärt sie ihm den Lösungsweg. Ricco versteht „Bahnhof“ und schaut entmutigt, man könnte auch sagen gelangweilt auf sein Blatt. Bei Tina steigen der Ärger, die Ungeduld, das Unverständnis und gleichzeitig ihr Puls. Da platzt ihr der Kragen: „Schau nicht so trübselig drein, beweg dich endlich und mach, was ich dir gesagt habe! Ich habe keine Lust stundenlang das Gleiche zu erklären!“ schreit sie ihn an. Ricco ist sichtlich schockiert. Nun geht gar nichts mehr. Er rennt in sein Zimmer und knallt die Türe zu. 
Tina, selber schockiert über ihren Ausbruch, steht auf und geht in die Küche. Ihre Gedanken überstürzen sich: „Wie konnte ich nur so die Nerven verlieren? Ich weiss ja, dass er mit Mathe seine grosse Mühe hat! Bin ich den von allen guten Geistern verlassen?“ Sie kann sich kaum beruhigen. Anderseits meldet sich eine Stimme in ihr, die ihr Verhalten entschuldigt: „Du willst ja nur das Beste für Ricco. Du bist auch kein Übermensch! Vielleicht macht es gar nichts, wenn Ricco erkennt, dass auch du an die Grenzen kommst? Du kannst dich ja entschuldigen.“ Das schlechte Gefühl bleibt. Tina trinkt Wasser, das beruhigt sie ein wenig. „Was ist denn eigentlich dein Problem?“ fragt eine dritte Stimme. „Tia, was ist denn eigentlich mein Problem?“ überlegt sie. Tina wird ruhiger in ihrem inneren Dialog: „Ich habe ganz einfach Angst! Ich habe Angst, dass Ricco nicht mitkommt in der Schule, dass er als ‚Dummkopf‘ da steht und ausgelacht wird. Ich habe Angst, dass er verletzt wird und leidet! Es geht mir nicht um gute Noten, es geht mir darum, dass er sich wohl fühlen kann und dass er glücklich sein kann.“ Tina trinkt noch ein Glas Wasser, atmet tief durch und entscheidet: „Das will ich mit Ricco klären.“ Sie geht zu seinem Zimmer, bleibt an der Türe stehen und horcht. Es ist ganz ruhig. Sie klopft, öffnet die Türe: „Darf ich rein kommen? Ich will etwas besprechen mit dir.“ Ricco schaut sehr kurz in ihre Richtung, knurrt etwas und vertieft sich angeblich wieder in sein Buch. Tina setzt sich zu ihm: „Ricco, ich will mich bei dir entschuldigen für meinen Ausbruch. Das war nicht fair von mir.“ Ricco schaut sie erstaunt an und schweigt. „Ich habe nachgedacht und habe herausgefunden, dass es mir gar nicht um die Mathe geht. Ricco, ich hatte Angst, dass es dir nicht gut gehen wird, wenn du Mathe nicht verstehst. Ich möchte aber, dass du glücklich sein kannst. Mathe soll das nicht zerstören.“ Da beginnt Ricco zu sprechen: „Es geht mir nicht gut wenn wir Mathe haben. Ich stehe jedes Mal da wie ein Trottel. Einige kichern und spötteln. Das verletzt mich. Aber ich kappier’s einfach nicht.“ „Ich glaube, wir sollten etwas ändern. Vielleicht bin ich nicht die richtige Person, die dir bei Mathe helfen kann. Vielleicht sollten wir mal überlegen, was für dich diesbezüglich besser wäre? Was denkst du?“ Ricco strahlte: „Das fände ich toll Mama!“

Krisen zeigen uns, wo Lernschritte möglich sind, wo das Denken eine neue Richtung braucht

Mit diesem Verhalten hat Tina ihrem Sohn gezeigt, wie man konstruktiv mit Krisen umgehen kann und das auch hinter einem unerwünschten Verhalten eine gute Absicht steht. Gemeinsam haben sie Möglichkeiten gesucht, die Ricco unterstützen und Tina entlasten.

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